Wer aufmerksam liest oder zuhört, stolpert früher oder später über einen Satz wie diesen: „Ich bin es gewöhnt, früh aufzustehen.“ Auf den ersten Blick wirkt dieser Satz völlig unauffällig – doch ist er wirklich richtig so? Oder muss es hier nicht vielmehr „gewohnt“ statt „gewöhnt“ heißen?
Zwei Wörter, ein feiner Unterschied
Obwohl sich die beiden Wörter gewöhnt und gewohnt zum Verwechseln ähnlich sind, gehören sie grammatisch zu verschiedenen Kategorien:
Gewöhnt ist das Partizip II des Verbs gewöhnen und beschreibt das Ergebnis eines Vorgangs (des Sich-Gewöhnens). Man hat sich an etwas gewöhnt – es hat eine Weile gedauert, aber nun ist man dort angekommen. Das Verb gewöhnen verlangt dabei die Präposition an: „Ich bin daran gewöhnt, früh aufzustehen.“
Gewohnt ist hingegen ein Adjektiv. Es beschreibt einen Zustand, eine vertraute Selbstverständlichkeit – etwas, das man kennt, weil man es immer so gemacht hat. Hier wird statt an das Wort es genutzt: „Ich bin es gewohnt, früh aufzustehen.“
Der Bedeutungsunterschied dieser beiden Sätze ist subtil, aber er ist da.
Und was ist nun mit „Ich bin es gewöhnt“?
Hier wird es interessant. Denn das Wort gewöhnt mit dem Korrelat es statt der Präposition an begegnet uns ständig: in Gesprächen, in E-Mails, mitunter sogar auch in Romanen. Und man muss sich fragen: Woher kommt das eigentlich?
Die Antwort lautet: Es handelt sich um eine sprachliche Kontamination. Zwei korrekte Strukturen – „ich bin es gewohnt“ und „ich bin daran gewöhnt“ – werden unbewusst zu einer dritten vermischt, die streng genommen keiner der beiden entspricht. Das Korrelat es, das eigentlich zum Adjektiv gewohnt gehört, wandert hinüber zum Partizip gewöhnt, das eigentlich die Präposition an erwartet. Das Ergebnis ist grammatisch gesehen eine Fehlkonstruktion, auch wenn sie sich für viele Ohren inzwischen vollkommen normal anhört – insbesondere regional in Österreich und der Schweiz.
Der Duden hingegen hält an der Unterscheidung fest. „Ich bin es gewöhnt“ taucht dort nicht als anerkannte Variante auf. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, nutzt hier also besser das Adjektiv gewohnt.
